Das Römische Missale: Von seinem Ursprung bis Summorum Pontificum
Brief 75
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P. Claude Barthe ist ein französischer Diözesanpriester, der in den späten 70er Jahren von Erzbischof Lefebvre in Écône geweiht wurde. Heute ist er Kaplan des Coetus Internationalis Summorum Pontificum. Er hat zahlreiche Artikel und Bücher über die Liturgie (La messe une forêt de symboles, Via Romana, Paris 2001) und theologische Fragen verfasst (Penser l’œcuménisme autrement, Via Romana, Paris 2014). Jetzt hat er das detaillierteste und vollständigste Handbuch der Geschichte des römischen Missale veröffentlicht, eine Thematik, zu der – zumindest in der frankophonen Welt – noch keine ausschöpfende Studie vorlag. Danke seiner aktuellen Bibliographie und Dokumenten-Sammlung wird dieses Buch besonders für Seminaristen und Studenten hilfreich sein, aber auch ganz allgemein für Priester und Laien, die sich ein umfassendes Wissen um die Geschichte der Heiligen Messe aneignen wollen.

Das Herz des Buches von P. Barthe bildet das liturgische Werk des Tridentiner Konzils und der Päpste seither, und das Buch konzentriert sich auf die "Kanonisierung" des Römischen Ritus, der seine Stabilität definitiv im Mittelalter erreich hat. Der Autor untersucht die Periode, die der "Kanonisierung" folgt, und bietet einen von Papst Pius V. bis zum hl. Papst Johannes XXIII. überspannenden Überblick an: vier Jahrhunderte der Liturgie von der 1570 Bulle Quo primum bis zur letzten approbierten Ausgabe des tridentinischen Missale von 1962.

P. Barthe setzt sich zunächst mit der Geschichte des Römischen Missale auseinander. Er analysiert die Beziehung zwischen dem christlichen Gotteskult und seinem Zwillingsbruder dem Gotteskult der Synagoge, dann die Geburt des römischen Kanon, der römisch-fränkischen Bereicherung, und schließlich mit der Verbreitung des römischen Kurienmissales, wie der Papst es in Avignon oder San Lorenzo in Palatio benutzt hat. Dann erinnert er den Leser daran, dass das Römische Missale, wie wir es heute kennen und nutzen als Ganzes im elften Jahrhundert festgelegt und kanonisert wurde.

Der letzte Teil des Buches bezieht sich auf die überraschende Wiederbelebung des tridentinischen Missales nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil, das mit dem Motu Proprio Summorum Pontificum von den römischen Autoritäten völlig reetabliert wurde. Barthe merkt an, dass die Geschichte des tridentinischen Misasales noch nicht zu Ende ist, besonders, da es heute mehr als sonst ein Garant für die Weitergabe des lex orandi darstellt, in all seinem Reichtum und ohne Makel. In diesem Sinne ist diese Studie eine Art der Geschichte für die Zukunft.

Als ein Zeichen der Vorsehung wurde dieses Buch Histoire du missel tridentin et de ses origines oder „Eine Geschichte des tridentinischen Missales von seinem Ursprung an“ in den französischen Buchläden am Donnerstag, dem 27. Oktober 2016 vorgestellt, im gleichen Moment als P. Barthe die fünfte Populus Summorum Pontificum Pilgerfahrt in Rom in hektischem Rahmen organisierte. Sie wurde geleitet von Erzb. Alexander Sample. In einem Jahr 2017, das die Feier des 10. Jährigen Jubiläums der „Befreiung“ der tridentinische Messe durch Benedikt XVI. im Jahre 2007 erleben wird, sind wir erfreut, diese Buchvorstellung von P. Barths neuem Buch zu veröffentlichen, und wir hoffen, dass es auch in der deutschsprachigen Welt Anklang finden wird.




Wie der Titel bereits besagt, befasst sich diese Buch mit seinem Subjekt in drei verschiedenen Teilen. Der erste Teil (ca. 100 Seiten) beginnt mit der noch teils parallelen Entwicklung der Liturgie der Kirche und der Synagoge und untersucht die Ursprünge der neuen Anbetung als Erfüllung des Alten Bundes, ohne die vielen allegorischen Kommentare auszulassen, die dem Autoren am Herzen liegen: „Diese geistliche Kommentierung der Liturgie beginnt im Neuen Testament selbst. Sie wurde vom Buch der Apokalypse benutzt, in dem die sieben Lampen als Geister Gottes bezeichnet werden; das die goldenen Violen der Düfte beschreibt, die die Gebete der Heiligen bezeichnen und das feine Leinentuch, in der die Braucht Christi gehüllt die Tugend der Heiligen darstellt.“ (S. 99).

Ungefähr gleich lang ist der zweite Teil, der stellenweise über die Thematik des Missales hinaus geht. Hier befasst sich der Autor mit musikalischen und architektonischen Trends, dem eucharistischen Fasten und dem Verschwinden der Sonntagsvesper. Er vollzieht mit detaillierten Schritten die Geschichte des Missale nach, „das die Kurie im 11. Jahrhundert“ erbte, bis zu den typischen Versionen, die einige Monate vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil veröffentlicht wurden. Von diesen letzten Ausgaben merkt er an, dass ihre Veröffentlichung „überraschend war, da die Kommission des Missale bereits aktiv dabei war, eine Vorabversion des Konzilstextes über die Liturgie zu verfassen, die eine tiefgehende Reform vorschlug. Vielleicht wollten die beiden kommenden Präfekte der Ritenkongregation – die diese Veröffentlichungen zwischen 1960-1962 durchsahen und bestätigten…einen sichtbaren Meilenstein setzen. Außerdem war es die logische Konsequenz: eine Zusammenfassung aller Arbeit, die von der Komission von Pius XII. geleitet wurde um ein Ergebnis zu erreichen.“

Der letzte Teil des Buches – der kürzeste – beschreibt den Moment der heutigen Zeit, und befasst sich mit Summorum Pontificum (Schlüssel hierbei ist die allegorische Illustration, die auch den Buchumschlag schmückt: die Feier einer Heiligen Messe in den Ruinen der Kathedrale von Münster im Jahre 1946). In der heutigen Zeit „befasst sich die Richtweisung vielmehr mit einer Adaption der bereits bestehenden Situation, d. h. der Formalisierung und Gleichmachung der Messe, als ihrer Bestimmung. Das Tridentinische Missale, das trotz der oder vielleicht sogar gegen die liturgischen Reformen wiedereingesetzt wurde, die es überholen sollten, findet sich in einer eigentümlichen Situation der Selbsreferenz…es ist ein wirklich interessanter Moment, von dem die vorkonziliare Messe sehr profitiert, eine Art „Umdrehung der hierarchischen Pyramide, die Yves Congar so am Herzen lag“ (S. 220).

Heute erkennt ein Großteil der Katholiken die Liturgie als etwas Althergebrachtes an, wie das Leben selbst, und empfängt sie lieber, als sie ex nihilo von jeder neuen Generation neu erfinden zu lassen. Dem folgt, dass viele liturgische Fragen nicht nur literarische und allegorische Antworten braucht, sondern auch historische Antworten, besonders wenn die historischen Argumente beides darstellen, die Periode in denen sich der Autor der Neuerung fand (ob sie nun nachhaltig eingesetzt wurde oder nicht) und die Umstände ihrer Einführung. Dieses Geschichtsmanuale, das lesbar geschrieben ist, und fast schon eine allegorische Überlegung des Subjektes anstellt, kommt vollständig mit einem umfassenden kritischen Apparat. Der Leser wird zur Meditation aufgerufen, und wird so zum Zeuge der Belesenheit des Autors in diesem Feld, wie auch seiner offensichtlichen Liebe für die Heilige Messe.


> Quelle: ceremoniaire.net